Künstlerhaus Göttingen
im Lichtenberghaus
Weißer Saal
24.03. – 04.09.16

In der Reihe der „Kunst-Sequenzen“ wollen wir in diesem wie im vergangenenn Jahr die vielfältigen Möglichkeiten des Mediums Fotografie aufzeigen und haben für 2016 vier interessante Positionen von Fotografinnen und Fotografen aus dem Göttinger Raum ausgewählt, die ungewöhnliche Sicht- und Gestaltungsweisen in die Fotografie einbringen. Die Reihe beginnt ab 24. März im Weißen Saal des Künstlerhauses und läuft in 4 einzelnen nacheinander folgenden Ausstellungseinheiten bis zum 4. September.
Die große Frage von Realität und virtueller Manipulation in der Fotografie wird von den 4 ausgewählten Künstlerinnen und Künstlern auf unterschiedlichste Weise ausgelotet und führt zu äußerst vielschichtigen künstlerischen Lösungen. In der Gegenüberstellung in einer Reihe wie in den „Kunst-Sequenzen“ wird eine besondere Differenzierung und Sensibilisierung für die Problemstellungen der Fotografie als Kunst der Gegenwart auch für das Publikum erreicht.



24.03. - 24.04.16
Christel Irmscher
Irgendwo im Nirgendwo

Vernissage: Donnerstag, den 24. März um 19 Uhr
Einführung: Siegfried K. Lang
Künstlerinnengespräch: Sonntag, den 24. April um 16 Uhr

Normalerweise gehen wir davon aus, dass Bilder bestimmte Orte – Interieurs, Landschaften – in bestimmten Zeiten und Kulturen abbilden. Basis unseres Verstehens ist der euklidische Raum und die lineare Zeit
Meine Bilder negieren diese Art von Bestimmung, von Verortung. Ihnen fehlen die örtlichen und zeitlichen - außerbildlichen - Referenzpunkte, die Kontinuität und erinnerndes Erkennen verbürgen.
Meine Bilder konstruieren Orte, die Nicht-Orte sind. Meine Nicht-Orte sind keine zu enträtselnden Innenorte (des Unbewussten) oder metaphysischen Geisterorte, bevölkert von subrealen oder surrealen Wesen und Dingen. In ihrer Synthesis konfigurieren sie keine geometrischen Gebilde oder labyrinthischen Räume. Vielmehr sind es Segmente, Fragmente, Ausschnitte aus imaginären Orten, deren Grenzen sich auflösen oder unabsehbar sind.
Wie werden die „ortlosen Orte“ imaginiert? Mein Ausgangspunkt sind verschiedene Bildsorten, eigene Fotos und gemalte Bilder, Fragmente von Realität. Einige Relikte des Ortes bleiben in der Bearbeitung erkennbar erhalten, andere werden transparent, lösen sich ins Ungefähre, Leere auf. „Reale“ Fragmente des Ortes mutieren zu Streifen, Lamellen oder Säulen, die den Raum verstellen oder diagonal durchbrechen, als ob ein plötzliches Ereignis den Ort in parallele oder transversale Schichten verwandelt habe, in einen „Nicht-Ort“. Die Bearbeitung geschieht experimentell in unterschiedlichsten Konstellationen, Schichtungen, Überschreibungen, Einfärbungen, geometrischen Figuren, Mustern, Strukturen, Texturen etc.
Die Digitalisierung der Ausgangsmaterialien ist tendentiell ein unbegrenztes Spiel auf begrenztem Feld. Dieses Verfahren mit seiner unmittelbaren Wahlvielfalt hat zur Folge, dass traditionelle Bildformen mit ihren Raumvorstellungen, (Zentrum und Peripherie)unterlaufen und neue multivalente und „irreale“ Orte und Räume konstruierbar werden – eine weitere Drehung in der Imaginationsspirale.
Dadurch, dass das Bild - Fragment über es hinaus weist, in die Leere des Ortes, in einen „Nicht-Ort“, wird der Betrachter ( auch die Autorin) im gleichen Moment zurückgeworfen auf die Dialektik des Nicht-Ab-Bildbaren, des Nicht-Sehens, des Nicht-Erkennbaren.
Meine Bilder sind keine Abbilder von „Realität“, sondern Befragungen, unter welcher Bedingung ein Bild-Raum sich konstituieren kann. Die Dialektik von Ort und Nicht-Ort erweist sich als Logik der Paradoxie. Wie ein Echo antwortet dem Irgendwo ein Nirgendwo. Auf der Sprachebene ist es die Unterscheidung in einem Buchstaben: dem „N“. (Derrida hat die „difference“ im „Ursprung“ als „differance“ erklärt)
Meine Bilder versuchen die Paradoxien von Sehen und Nicht-Sehen, von Erkennen und Nicht-Erkennen, von Ordnung und Ungeordnetem, von Bekanntem und Unbekanntem ins Bild zu bringen.
Christel Irmscher



28.04. - 29.05.16
Ralph Hormes
In2

Vernissage: Donnerstag, den 28. April um 19 Uhr
Einführung: Siegfried K. Lang
Künstlergespräch: Sonntag, den 29. Mai um 16 Uhr

Die Lust am Sehen
Der "fotografische Blick" ist für miich ein offener, unbestimmter Blick. Er wandert mit umher, ist nicht zielgerichtet, sondern erfasst das Momentane.
Ohne die Fokussierung auf einen bestimmten Gegenstand lässt zum Beispiel der Blick aus dem Fenster eines fahrenden Zuges Wellenlinien entstehen. Wenn der Blick fokussiert, allerdings ohne auf einen bestimmten Punkt konzentriert zu sein, entstehen durch die Spiegelungen der Beleuchtung, der Gesichter der Mitreisenden und der gegenüber liegenden Landschaft, im Zusammenspiel mit der dahinter liegenden Landschaft, neue Bildäume.
Mich interessieren solche Kompositionen und die sich daraus ergebenden Überschneidungen der Wahrnehmungs- und Bedeutungsebenen.
Fotografieren bietet mir so die Möglichkeit, das Besondere im Alltäglichen zu sehen und festzuhalten.
Ralph Hormes



02.06. - 03.07.16
Lilly Stehling
Lichtstücke

Vernissage: Donnerstag, den 2. Juni um 19 Uhr
Einführung: Siegfried K. Lang
Künstlergespräch: Sonntag, den 19. Juni um 15 Uhr

Neben den Dimensionen von Zeit und Raum gehört Licht zu den elementaren Bedingungen der Fotografie.
Meine "Lichtstücke" beleuchten die menschliche Figur und deren Bewegung im Raum. In der fotografischen Übersetzung in die zweidimensionale Fläche entstehen grafisch animierte Bewegungsstudien mit plastisch wirkenden Elementen. Die Fotografie vereint die unterschiedlichen Ebenen des Bildraumes, zeitliche und räumliche Dimensionen werden sichtbar und hinterlassen eine Szenerie.
Im Bildraum entwickelt sich ein "Bühnenstück", in dem Lichtspuren die Hauptrolle spielen. Der Raum ist Erlebnisraum, Ereignisraum für sich überlagernde Bewegungsabläufe, inszenierte Figur-Studien und Körperhaltungen, die eingeschrieben als Lichtlinien in den dunklen Raum eine Art dynamische figürliche Zeichnung produzieren. Auratische Ausstrahlungen von Individuen, sich überschneidende Liniengeflechte, dynamische schnell gesetzte Licht-Zeichen geben Rückschlüsse auf Bewegung, Körperlichkeit und Raum.
Es entstehen Fotografien, die beim Betrachter Fragen aufwerfen: nach den Figuren und ihrem körperlichen Ausdruck, ihrem Verhalten im Raum und ihren Posen, Fragen nach Geschwindigkeit, Bewegung und Ruhe, Fragen nach Raum und Zeit.


04.08. - 04.09.16
Tamara Wahby
SCANS

Eröffnung: Donnerstag, 04.08.16, 19 Uhr
Einführung: Siegfried K. Lang
Künstlergespräch: Sonntag, den 28. August um 15 Uhr

SCANS sind photographische Bildermm die ohne Kamera aber mit Hilfe eines Flachbrettscanners entstehen. Es handelt sich um Bilder, die den ursprünglichen Ideen der photographischen Kunst sehr nahe sind, keine NAturphotographie, eher Sehstücke sind. Sie zielen nicht in erster Linie auf Identifikation der Gegenstände. Motivwahl, die Gestaltung von Flächen, die starke Ausschnitthaftigkeit widersprechen der gewööhnlichen Erwartung an das Medium Photographie.
Photography, as we all know, is not real at all. It is an illusion of reality with which we create our private world. (Arnold Newman)