Künstlerhaus Göttingen
im Lichtenberghaus

Weißer Saal

06.06. - 07.07.19

Maria Muñoz

LLALIN KUSHE - UNBOUND SPACE

 

Eröffnung: 6. Juni 2019, 19 Uhr

Einführung: Teobaldo Lagos

 

Die neue Serie von Arbeiten, die Maria Muñoz im Weißen Saal des Künstlerhauses Göttingen präsentiert, ist von der Textiltradition der Mapuche inspiriert, den Ureinwohnern des Zentrums und Südens Chiles und Argentiniens. Insbesondere setzt sich die Künstlerin mit der symbolträchtigen Decke, dem Poncho, auseinander. Die Ponchos sind in der Mapuche-Tradition nicht übertragbar sondern einzigartig, jeder wurde von Weberinnen für einen bestimmten Mann produziert. In ihren Symbolen und Farben sind die persönlichen Qualitäten, die Abstammung und der soziale Rang des Trägers verkörpert. Das Wissen der Weberinnen fließt in sie mit ein.
Gezeigt wird eine Serie von 10 Skulpturen in kleinem und mittlerem Format, die geometrische Strukturen aus Holz zeigen und teilweise bemalt sind. Die verschiedenen Strukturen basieren auf den Darstellungen, Figuren, Symbolen und Zeichen, die in den gewebten Decken der Mapuche vorhanden sind. Ihre Präsentation leitet sich von der Struktur des Raumes ab. Die Maße der Skulpturen stehen in Dialog zur Abmessungen der Fliesen des Bodens im Ausstellungsraum. Die Skulpturen nutzen, wie parasitäre Pflanzen, dasselbe orthogonale Muster der weißen Fliesen, sowie die Architektur und Möbel, die für den Ausstellungsort spezifisch sind.
Die Bedeutung der Ponchos gegenüber der Gemeinschaft wird durch das Tragen vervollständigt. Sie drücken durch eine komplexe und dichte Bildsprache die Kosmogonie und den Glauben der Mapuches aus. Die Symbole verkörpern eine doppelte Botschaft, die Form und Farbe synthetisieren. So können die Figuren fast unbegrenzt sein, je nach Kreativität der Weberin und ihrer Transformationsstrategie (Zerstückelung, Verschiebung, Desartikulation oder Enthäutung derselben Figur).
Demgegenüber werden nur wenige Farben, beschränkt auf einen Code,verwendet: die primären sind Schwarz (Abwesenheit von Licht), Rot (Blut), Grau und Braun (Abwesenheit von Licht); sekundär Grün (Natur), Gelb, Blau (Himmel); und das Fehlen von Farbe, Weiß. Die Figuren weisen eine große natürliche Vielfalt auf (mineralisch, pflanzlich, tierisch, menschlich und göttlich); die Farben bestimmen eine kulturelle Besonderheit, beschränken sich auf eine begrenzte Reihenfolge von Wörtern in einem geschlossenen Kategoriencode und wirken sich durch die Anfügung genauer Bedeutungen auf die Bedeutung der Figur aus.
Die geometrischen Formen beziehen sich auf bestimmte, wiederkehrende Figuren der Mapuche-Textilien, wie Rauten, das symmetrische Kreuz und die Spirale der Labyrinthe (Streifen, in denen sich dasselbe Motiv wiederholt). Sie betonen damit Maria Muñoz Interesse an der zyklischen Zeitauffassung: Die Idee der Zeit, die als zirkulärer und sich zyklisch wiederholender Prozess verstanden wird, durchzieht die gesamte lateinamerikanische Kosmogonie der prä-hispanischen Kulturen und stimmt mit den Kräften und Zyklen der Natur und des Universums überein. Muñoz setzt mit dieser Arbeit bewusst einen Kontrapunkt zum westlichen Fortschrittsglauben, der Zeit als etwas Lineares versteht und die Gegenwart völlig losgelöst von der Natur in der Verheißung einer nicht existierenden Zukunft begreift.


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