Künstlerhaus Göttingen
im Lichtenberghaus
23.02. – 25.03.12
Projekt Portrait
- angesichts -


Vernissage: 23.02., 19:30 Uhr

Göttinger Tageblatt vom 02.03.2012:
Gegossene Bäuche und eine Fliege auf der Nase

Porträt-Projekt: 28 Künstler aus der Region zeigen im Künstlerhaus Bilder von Menschen

Von Peter Krüger-Lenz

Die Malerei wurde von der Fotografie abgelöst. Doch Totgesagte leben länger. Das ist alles eine Frage der Strategie. Die Künstler der klassischen Moderne suchten sich neue Aufgaben. Die Impressionisten malten Licht, wie es kein Fotoapparat einfangen kann. Die Expressionisten schufen ausdrucksstarke Bilder und nutzten dafür Erkenntnisse der Physik über die Wirkung komplementärer Farben. Die Kubisten zerlegten die Welt und setzten sie neu zusammen. Damit ist eine Kamera überfordert. Die Reihe der Beispiele ließe sich deutlich verlängern. Nur das gemalte, gezeichnete, modellierte, aus Stein geschlagene oder aus Holz geschnitzte klassische Porträt hat sich überlebt. Oder?

Auftragsarbeit: eine Porträtbüste von Erhard Joseph, im Hintergrund Zeichnungen von Renate Bethmann. Theodoro da Silva

28 Künstler aus der Region zeigen unter dem Titel „angesichts“ derzeit im Weißen Saal und im Gewölbekeller des KünstlerhausesGöttingen, dass die Beschäftigung mit dem Antlitz vielleicht nicht unbedingt im Vordergrund künstlerischer Auseinandersetzung steht. Doch das Genre ist nicht ausgestorben. Oder doch?
Was aus den Tiefen der Ateliers der beteiligten Künstler auftauchte, ist überwiegend konventionell. Da geht es beispielsweise um ein möglichst naturgetreues Abbild, in der besseren Liga vielleicht auch um das Festhalten von Ausdruck und Persönlichkeit. Vieles spielt sich im Bereich Fingerübung oder Studie ab. Einiges ist bereits älter als 50 Jahre, gehört selbst schon zur Kunstgeschichte und verströmt einen Hauch von liebenswerter Tradition. Manches entstammt anderen Kulturkreisen und damit auch einer anderen Porträttradition. Weniges ist schlicht oder gar schlecht.
Einige Künstler haben versucht, sich dem Thema Porträt kreativ zu nähern, sich also abzuheben von den anderen. So stellt Matthias Walliser eine „Ich-Kiste“ aus, ein Schublade voller Dinge, über die sich die Persönlichkeit des Besitzer mitteilen soll. Ute Gruenwald widmete sich nicht dem Gesicht sondern demBauch, genauer gesagt einer Reihe von Bäuchen, von denen sie Abgüsse fertigte. Nabel in Reihe, kein Sixpack, alle sehr individuell. Und Georg Hoppenstedt hängte ein gewundenes, schlankes Gebilde unter die Decke. „Selbststilisierung“ hat er die Arbeit genannt, die im Schattenwurf zumGesichtsprofil wird.
Die vielleicht humorvollsten Beiträge zu der sonst sehr ernsthaften Schau lieferte ein Fotograf. Peter Heller zeigt Selbstporträts: eines mit Fliege auf der Nase, eines Auge in Auge mit einer Statue und eines mit herausgestreckter, pickeliger Zunge, die sich bei näherem Hinsehen als Erdbeere entpuppt. Die drei handlichen Fotos präsentiert er auf silbernen Pappen zum Kuchentransport im hinterstenWinkel versteckt hinter Säulen. Ausgestorben ist das Genre Porträt also nicht, es überlebt unspektakulär. Und wenn es doch mal Blüten treibt, dann eher im Verborgenen.