Künstlerhaus Göttingen
im Lichtenberghaus
06.10. – 17.10.2010
BBK
- Zeitgleich -

Täglich Live im Weißen Saal

von 11:00 bis 18:00 Uhr



Programm:


Dienstag, 05.10. Ute Gruenwald: Wattiert euphemistischer Dialog 2010

Mittwoch, 06.10. Hilke Diers: Kabeltrommel

Donnerstag, 07.10. Heidi Hogel: Kunst-Wünsche-Baum

Freitag, 08.10. Renate Bethmann: Letter

Samstag, 09.10. Charlotte Geister: Er sucht sie - sie sucht ihn

Sonntag, 10.10. Renate Kiefer: Energiespender

Montag, 11.10. Gregory Seán Sheehan: Anfang und Ende

Dienstag, 12.10. Marcos Durand: Klecks-Punkt-Komma-Strich

Mittwoch, 13.10. Georg Hoppenstedt: Knüppeldamm

Donnerstag, 14.10. Dörthe Gerken: Kommunizierende Räume

Freitag, 15.10. Christel Irmscher, DIA-LOG

Samsteg, 16.10. Lilly Stehling: Pflaster - pavement relaxing station

Sonntag, 17.10. Erhart Schröter: Mediale Dokumentation/Diskussion


Göttinger Tageblatt vom 07.10.10
Schwebende Watte-Wörter keine Augenwischerei
„Kunst und Dialog“: Ute Gruenwald stellt ihr Werk „Wattiert – Ein euphemistischer Dialog“ vor
Von Anne Kleimann

An beinahe unsichtbaren Fäden aufgehangen: Die Wollinstallation im Weißen Saal des Künstlerhauses. Heller

Watte-Wolken schweben unter dem Himmel des Weißen Saals im Künstlerhaus an der Gotmarstraße in Göttingen. Beinah unsichtbare Fäden lassen sich von der Decke hängen, um die schwerelos anmutenden mit Wollfasern umwickelten Drahtworte mitten im Raum stehen zu lassen. „Wattiert – Ein euphemistischer Dialog“ hat Ute Gruenwald ihre Installation genannt. Dieses Werk ist das erste von weiteren zwölf, die bis zum 17. Oktober in täglichem Wechsel jeweils von 11 bis 18 Uhr unter dem Titel „Kunst und Dialog“ vom Bund Bildender Künstler Südniedersachsen vorgestellt werden.
Sind die Eingangsstufen zum Ausstellungssaal erklommen, erscheinen die Watte- Wörter sofort und auf Augenhöhe. Sie suchen den Dialog mit dem Betrachter nicht, sie haben ihn schon begonnen. Die Neugier auf den Inhalt dieser Signifikanten zieht an. Ein perfekter Einstieg in den Gegenstand der Kommunikation. Was gesagt wird, was gesagt werden soll und was gehört wird, was gehört werden will – das sind die Komponenten, welche dieses aus der Linguistik nur allzu bekannte Thema bedingen. Aber Gruenwalds Worte gehören nicht in die Kategorie der Sprachwissenschaft, sondern formen den künstlerischen Widerspruch. Der Tod in weiße weiche Watte eingepackt? Es sind Worte, die ängstigen, die in der Politik oder in den Medien gemieden werden, weil sie stören. Weil sie unpassend sind.
Aktuell und spannend präsentiert sich der Beitrag der gebürtigen Berlinerin. Vielleicht weniger in seiner äußeren Form, aber umso mehr in seiner inneren, folgt man den Gedanken der Künstlerin. „Diese Arbeit ist nicht raumbezogen, wie meine früheren Installationen, sondern kommt aus der Situation heraus“, klärt Gruenwald auf. Der Beobachter soll im Geiste das Eingepackte auspacken, soll die Verbände lösen, eventuelle Wunden freilegen, er soll nachsehen, ob das Wort unter seiner Verhüllung noch gesund ist. Die Kunstschaffende hat viele Wörter gefunden, die einen euphemistischen Bruder bekommen haben. Die hässliche Lüge trägt den Deckmantel der „kreativen Antwort“. Das Altersheim ist kein ungeliebter Ort, sondern „Seniorenwohnsitz“. Es heißt nicht Tod, sondern „der Mensch ist entschlafen“. Arme werden zu „Hartz IV- Empfängern“.
Besonders die Berichterstattung in den Medien zum Thema Afghanistan hat Gruenwald beschäftigt, das Wort Krieg habe sie dort selten bis gar nicht hören können: „Man war im Krieg und wusste es gar nicht, weil man das Wort gemieden hat. Das ist sehr politisch.“ Unwillkürlich drängt sich die Frage auf, ob denn nun alle Beschönigungen Augenwischerei und negativ besetzt seien. Die Watte-Werkerin weiß aus ihrer Zeit in Amerika, dass dem nicht so ist: „Dort sind die Menschen ganz anders als in Deutschland. Das hat nichts mit Heuchelei zu tun, sie stützen sich einfach viel mehr auf das Positive.“

Göttinger Tageblatt vom 08.10.10
Wirrwarr, aus dem persönliches Leben fließt
„Kunst und Dialog“ im Göttinger Künstlerhaus: Beitrag „Letter“ von Renate Bethmann
Von Anne Kleimann

Der Mensch hinter den Zeilen: Renate Bethmann hinter Botschaften von Demenzkranken. Heller

Sieben Briefe hängen im Weißen Saal des Göttinger Künstlerhauses. Auf ihren durchsichtigen Plastikkörpern tragen sie krakelige Buchstaben, konfuse Wortgebilde, die sich aus dem Linienwirrwarr, in dem sie schwimmen, nur erahnen lassen. Zeilen aus Acryl, die präsent sind, die Nähe suchen. Verfasst sind diese Botschaften im Original von Demenzkranken auf der Suche nach sich selbst. Renate Bethmann hat sie mit ihrem Werk „Letter“ für die Reihe „Kunst und Dialog“ in eine Installation verwandelt.
Ein emotionaler, bewegender und faszinierender Beitrag, der eine ganz andere Seite der Kommunikation beleuchtet, ist der Göttinger Künstlerin gelungen. Ihre Arbeit ermöglicht einen Einblick in die Perspektive der Autoren, welche ihre Äußerungen nicht mehr konventionell codieren können und stellt die Betrachter vor die Herausforderung, nicht objektive Sprache zu dechiffrieren. Nicht von ihrem Inhalt her sind die fragilen Schrift-Zeichnungen, zu begreifen, sondern der Umstand ihrer Entstehung wird zum Schlüssel des Verständnisses und eröffnet neue Wahrnehmungsmuster. Die Demenz verursacht nicht nur Verlust, sie schafft auch etwas Neues.
Auf berührende Weise schafft Bethmann Räume und vielseitige Ansatzpunkte, durch welche der Mensch hinter den Zeilen bruchstückhaft sichtbar wird. Aus einem frontalen Blickwinkel verschwimmen die Zeichen ineinander und bilden eine Wand des Unverständnisses und der Isolation, aus einem anderen wiederum wird die Schrift klarer. In der Anordnung der hintereinander aufgereihten Briefe werden die Zwischenräume schrittweise enger. „Bei den Dementen wird das Mitteilungsbedürfnis immer größer, wobei die motorischen Fähigkeiten abnehmen“, erklärt Bethmann. Sie war oft anwesend, wenn die vom persönlichen Leben geprägten Linien auf das Papier flossen. Bethmann: „Was am längsten bleibt bei den Dementen sind Rituale. Eine Dame war vermutlich in der Buchhaltung beschäftigt, bei ihr finden sich immer wieder Zahlen.“

Göttinger Tageblatt vom 12.10.10
Torfige Ruhe als Doppelspirale
„Kunst und Kultur“ im Künstlerhaus: Gregory Seán Sheean

Von Anne Kleimann

Kontraste: „Anfang und Ende“ von Grogory Seán Sheean. CR

In einen Raum angefüllt mit Ruhe hat Gregory Seán Sheehan den Weißen Saal des Künstlerhauses in der Göttinger Gotmarstraße verwandelt. Die Arbeit des gebürtigen Iren ermöglicht es den Besuchern, einen Schritt aus der Hektik der Stadt, einen Schritt aus der alltäglich gewordenen Schnelligkeit heraus zu machen. Für die Reihe des Bundes Bildender Künstler (BBK) mit dem Thema „Kunst und Dialog“ hat Gregory Seán Sheehan seine Installation „Anfang und Ende“ dort realisiert, wo in einem alles umfassenden Zyklus ebenfalls alles entsteht und wieder vergeht: Auf der Erde.
Eine Doppelspirale aus Torf ruht inmitten des Saals. Die tiefdunkle Aura des Materials greift um sich. Die Blicke werden verführt, wie Hände über und in den fruchtbaren, mystisch wirkenden Mutterboden zu gleiten. Intensiviert wird das Erlebnis dieses Kontakts durch den dialogischen Kontrast der düsteren Erde mit der Helligkeit des umliegenden Raumes. Einen für die Ausstellungsreihe einzigartigen und hochkomplexen Aspekt greift Sheehan mit seinem Werkstoff und dessen inszenierter Form auf.
Der Künstler nutzt die Kraft der Symbolik, der ältesten Form menschlichen Ausdrucks, deren Wirkung auf intellektueller, aber auch auf spiritueller Ebene spürbar werden soll. Den Hintergrund des Werks bilden Gedanken, die fraglos aus der Beschäftigung mit der Natur stammen und auch in der ökologischen Debatte zentral sind: Regeneration, Zyklik, Endlosigkeit. Der Torf, welcher selbst lebendiger Bestandteil dieses Prozesses ist, eignet sich ideal, um ihn in sich zu verkörpern. Eindrucksvoll visualisiert er die Unität von Leben und Tod, Werden und Vergehen.
Zwar stammt der ausgestellte Torf aus Niedersachsen, doch ein Schlüsselerlebnis mit irischem Torf hat Sheehan zu seinem Schaffen inspiriert. Von einer Wanderung über die Bergketten südlich von Dublin brachte er etwas von dem Material aus seiner Heimat in einer Brotdose mit nach Deutschland, wo er seit 1981 lebt. Dort angekommen begann er sich mit den tieferen Bedeutungsebenen des Elements auseinander zu setzen und ergründete unter anderem seinen kulturellen Wert: „Im Torf können wir auch etwas von der Vergangenheit sehen. Als Ablage, entstanden durch Wachstums- und Zerfallsprozesse, die eine immens lange Zeit überspannen, ist er ein Speicher der Erinnerung.“
Abgerundet wird die „Erdung“, die in Sheehans Ruhe- Raum erfahrbar ist, durch die leisen Klänge des Komponisten Ralph Zurmühles, die der Künstler per Audio-Gerät einfließen lässt. Sheehan: „Die Musik soll die Ruhe unterstreichen. Manche Leute sagen „Oh, ich hasse Klaviermusik“, aber ich wollte etwas Meditatives mit hinein bringen.“