Künstlerhaus Göttingen
im Lichtenberghaus


15.04. – 13.05.12
Ursula Neugebauer
... das größte Glück, welches vorstellbar ist ...
Fotografien, Videowerke und Installationen

Vernissage: 15.04., 11:30 Uhr
Einführung: Michael Stoeber

Ursula Neugebauer, geboren 1960. Studium in Münster bei Timm Ulrichs. Heute Kunstprofessorin an der Universität der Künste (UDK) in Berlin. Sie zeigt im Künstlerhaus Göttingen unter dem Titel „das größte Glück, welches vorstellbar ist“ Fotografien, Videowerke und Installationen.

Die Künstlerin arbeitet an der Schnittstelle von Installation, Objekt, Raum und Medien. Dabei stehen ihre Werke in der Tradition einer Metamorphose von Alltag und Alltagsgegenstand, die ebenso analytisch wie präzise ist. Neugebauer versteht sich als konzeptuelle Künstlerin, wobei es ihr stets darum geht, für ihre Ideen und Gedanken eine überzeugende sinnliche Form zu finden.

Die Schönheit des Denkens ist auch das Thema ihres Briefes an Grigori Perelman und ihres Videos über ihn. Dessen Titel, „das größte Glück, welches vorstellbar ist“ (2010), ist zugleich der Titel der Göttinger Ausstellung.

Der russische Mathematiker Perelman ist eine fast schon mythische Figur. Er lebt zurückgezogen in Leningrad. 2006 gelang es ihm, ein Jahrhundertproblem zu lösen. Für die von dem Denker Henri Poincaré im Jahre 1904 geäußerte Hypothese, jeder geschlossene Raum lasse sich auf die Gestalt einer Kugel zurückführen, erbrachte er den mathematischen Beweis. Er veröffentlichte ihn für jedermann zugänglich im Internet und lehnte in der Folge alle an ihn herangetragenen Ehrungen sowie das Preisgeld des Bostoner Clay Instituts in Höhe von einer Million Dollar ab.

Den Brief, den Ursula Neugebauer an Grigori Perelman schrieb, hat dieser nie beantwortet. Seine imaginäre Antwort hat ebenfalls die Künstlerin entworfen, und das Filmmaterial ihres Videos stammt von Paparazzi. Der Schlüsselsatz in Neugebauers Brief an Perelman lautet, dass sie als Künstlerin der „Denkraum als Ort der Schönheit“ interessiere.

Der Satz markiert sowohl das veränderte Kunstverständnis der Moderne als auch ihren veränderten Schönheitsbegriff. Seit Marcel Duchamp konstatieren wir eine Abkehr vom rein „Retinalen“, von der Mimesis und damit von der Wiederholung der Wirklichkeit in der Kunst hin zu ihrer ideenhaften Gestaltung. Oder um es mit einem schlüssigen Wort von Paul Klee zu sagen: Es geht in der Kunst der Moderne nicht mehr darum, „das Sichtbare wiederzugeben“, sondern darum, die Dinge „sichtbar zu machen“.

Diesem Credo folgen auch die in Göttingen versammelten Werke der Künstlerin.

Gölttinger Tageblatt vom 20.04.2012

Biografische Interviews zum Thema Haare
„In bester Gesellschaft“: Künstlerhaus Göttingen zeigt Konzeptkünstlerin Ursula Neugebauer
Von Tina Lüers
Georg Christoph Lichtenberg ist in demHaus in der Gotmarstraße, in dem er in Göttingen von 1775 bis 1799 lebte, lehrte und forschte, dem Lichtenberghaus, einmal mehr „in bester Gesellschaft“. In der gleichnamigen Ausstellung der Künstlerin Ursula Neugebauer hat er interessante Gesprächspartner und Partnerinnen zu Gast.
Neben Heinrich von Kleist sitzen Franz Kafka und Albert Camus, dieTanzrevolutionärin Pina Bausch hat gegenüber Platz genommen, gemeinsam mit Juri Gagarin und anderen Personen, zwischen denen ein Gespräch bestimmt lebendig, vielleicht kontrovers, sicher fruchtbar und interessant geworden wäre.
Ihre Fotografien liegen, in Wachs gegossen, als Tafeln auf dem rund 400 Jahre alten Küchentisch der 1960 geborenen Künstlerin, die als ehemalige Meisterschülerin des „Totalkünstlers“ Timm Ulrichs seit Langem selbst lehrt und seit 2003 Professorin an der Universität der Künste in Berlin ist. Zwischen Schärfe und wächserner Weichzeichnung oszillieren die Bildern des Experimentalphysikers, der Schriftsteller und Künstler. Was wären ihre Themen gewesen, hätte ihr imaginiertes Zusammentreffen hier in diesem Haus Folgen?


Beeindruckend in der Serialität: unbenanntes Kunstobjekt von Ursula Neugebauer im Göttinger Künstlerhaus. Heller

Neugebauer arbeitet assoziativ und interdisziplinär. Projekte, Objekte, Installationen, Kunst im öffentlichen Raum, aber auch Fotoarbeiten und Videos sowie die Beschäftigung mit Literatur und Sprache gehören zu den Ergebnissen ihrer Auseinandersetzungen. In der Ausstellung im Künstlerhaus sind Arbeiten aus den Jahren seit 1988 zu sehen. Sie zeigen ein breites Spektrum auch aus unterschiedlichsten Themengebieten.
„Er liebt mich von Herzen / mit Schmerzen / über alle Maßen / ein wenig / gar nicht“, den Abzählreim hat Neugebauer gesprochen, als sie zehn Tage jeweils zehn Stunden lang auf einem 200 Quadratmeter großen Margeritenfeld von 3000 Pflanzen mit je mehreren Blüten Blütenblatt um Blütenblatt ausriss. Ein Versuch, Gewissheit, Vertrauen zu erlangen, einemeditative, aber auch überaus obzessive Tätigkeit. Bedingungslosigkeit als Thema spiegelt sich auch in ihrer Beschäftigung mit dem russischen Mathematiker Grigori Perelman.
Beeindruckend in ihrer Konzeptionalität, Serialität, aber auch in dem schnellen Hinwerfen der Umrisse eines Frauenkörpers mit nassen Haaren sind die 100 Zeichnungen von verschiedenen Frauen. Jede Linie ein Haar, mehrere Haare, Knäuel, Fransen, ein Körper. Eine zugehörige Videoarbeit mit beinahe biografischen Interviews zum Thema Haare, insbesondere zum Bedecken der Haare aus religiösen Gründen, thematisiert die Rolle von Frauen in patriarchalen Gesellschaften.
Einer auf ganz andere Sicht einsame Seite bespielt die Serie „Nachlass“. Sie zeigt Fotografien von Zimmern in Wohnungen, in denen vor kurzer Zeit jemand gestorben ist. Eine aufgeschlagene Bettdecke, gestapelte Wäsche, Pflegeutensilien oder nur leere Möbel – die Verlassenheit der Orte manifestiert sich in ihrer Betrachtung. Die Arbeiten sind in ihrer Darstellung überaus differenziert. Gern bewegt man sich auf den Gedankenpfaden Neugebauers, unternimmt es, sie nachzuwandern, vielleicht auch mal eine andere Abzweigung zu nehmen. Auf jeden Fall aber gelingt es ihr, sich und ihre Konzeptkunst der Welt auf eine Weise anzuverwandeln, die abwegige, verschlungene und doch so klare Sichtweisen ermöglicht.