Künstlerhaus Göttingen
im Lichtenberghaus

Weißer Saal
08.01. – 08.02.15
Malte-Hagen Olbertz
Shadow on the Wall
(Malerei)

Eröffnung: 08.01.15, 19.00 Uhr
Einführung: Tina Fibiger, Kulturjournalistin

Die Bilder des Malers Malte Hagen Olbertz aus Berlin erzählen Bilder-Geschichten von Außen- und von Innenräumen in wundersamen Arrangements.
In früheren Arbeiten „ Stand der Dinge“ sind es Gegenstände vom Sperrmüll: Spülen, Regale, Herde in “urbanen Nicht-Räumen voll von Vergänglichem, Verlassenem und Verborgenem“ (Kit Schulte).
In unserer aktuellen Ausstellung „Shadow on the wall” im Künstlerhaus Göttingen geht es um innere Räume:
Menschliche Körper sind in das Mobiliar geschoben, schlafend, träumend oder tot? Skurrile Harlekins werden in Überlebensgröße gezeigt.
Manchmal sind es auch nur Versatzstücke von Clownerien, die mit Goldglitzer, Rosa oder Himmelblau stellvertretend abgebildet werden. Auch der blaue Mantel-Rest, der auf unserer Einladungskarte zu sehen ist, kann die traurige Stimmung der grauen Trennwand-Fuge vor Weichfaserwand im Hintergrund“ nicht beheben in ihrer Tristesse des Eingeschlossen-Seins.
Erhart Schröter
www.maltehagen.de

Zur Ausstellung von Malte Hagen Olbertz „Shadow on the Wall“im Weißen Saal des Künstlerhauses
von Tina Fibiger
Vielleicht täuscht ja die seidige rosa sanfte Kluft, die sich um den kopflosen Körper schmiegt und hat sich längst in eine Rüstung verwandelt. Vielleicht ist es die Geschichte eines Harlekins, der zum Schwert greifen wollte. Blau fließt es aus dem Arm mit dem veredelt glänzenden Bund, blaumetallisch scharf, warum nicht sogar blaublütig kühl, auch ohne rote Tropfenspuren oder Wundmalereien. Keine handfesten Indizien also, die sich an dem trügerisch schönen Schein in dieser lichten Räumlichkeit vergreifen. Trotzdem ist das vielleicht schon zu viel an Etikettierung für diese luftig anmutende Hülle, auf dem der beschwingend gefaltete Kragen wie eine Rosette ruht. Aus Zeitspuren wie dem Barock und der Romantik, die in Malte Olbertzs Arbeiten anklingen, will sich nämlich kein Standpunkt zusammenbrauen und auch keine griffige Lesart der Motive. Diese ungesicherten An- und Aussichten bei der Frage der Wahrnehmung und der Verständigung mit seinen Arbeiten spricht bereits der Ausstellungstitel „Shadow on the wall“ an.
Mit dem Schatten an der Wand, der eben auch den Schatten des Betrachters beim Erkunden dieser malerischen Schauspiele meint. Es ist zwar eine sehr verführerische Projektionsfalle, in die uns der Künstler mit seinen Arbeiten lockt, allerdings auch eine ohne Netz und doppelten Boden. Und dann landet man bald auf einem Feld, wo mit den aktuellen Kunstdiskursvokabeln nicht viel auszurichten ist. Es ist sicherlich kein Zufall, das Malte Olbertz ein poetisches Verfahren beschreibt, auf dass er angewiesen sei, wo dann Sachen zusammen kommen, die keinen direkten Weg zu einer Lesart seiner Bildkompositionen liefern. Da mag für den Moment die Strategie der Surrealisten aufblitzen und ihr malerisches Verwirrspiel mit alltäglichen und besonderen Requisiten, die in ihrer ursprünglich funktionalen Bedeutung ausgehebelt wurden. Aber soweit treibt es der Künstler dann doch nicht. Seine malerischen Fiktionen sind ja sehr real anschaulich zu orten:
Die Atelierwand mit dem blauen Tuch auf dem Boden und auch die Gestalt im Gewande des Harlekins, Clowns oder Possenreißers, die sich eine schöpferische Pause gönnt, während sich neben ihr eine Baustelle aufzutürmen scheint, in der ihr verspieltes Handwerkszeug vermutlich einstaubt.
Auf Malte Olbertz Homepage traf ich auf einen Text der Kunsthistorikerin Ann-Christin Betrand, die über die Malerei als Medium schreibt, dass das Bildersehen verlangsame. Dass die visuelle Wahrnehmung auf einer Hochgeschwindigkeitsspur gelandet ist und dort manchmal nur noch irrlichtert, ist keine neue Erkenntnis. Auch nicht die Überfülle an medialem Blendwerk.
Man könnte nun von einer Vollbremsung sprechen, die der Künstler in seinen Arbeiten vornimmt, mit der Aufforderung, sich beim Sehen maßlos viel Zeit zu lassen, seine Spürsinne zu reanimieren oder sich ganz schlicht von einem Detail berühren zu lassen, das der Maler mit feinsinniger Präzision auf der Leinwand veredelt. Diese watteweichen Lichtreflexionen, einen beschwingenden Faltenwurf, den glitzernden Hauch von Gewebe, dass den Kopf des schlummernden Harlekins bedeckt, oder dann auch die tänzerisch anmutenden Farbbewegungen, die sich in eine Melodie hinein zu träumen scheinen
Die Formen kommen ins Erzählen und darin sind sie selbst genug an Bedeutsamkeit. Aber eh jetzt die L’art pur L’art Falle zuschnappt, zurück zu dem Schauspiel des kopflosen Harlekins, der ja auch ein reales Vorbild hat. Watteaus Clown im Louvre, mit dessen glänzender Hülle und ihrer Farbigkeit sich Malte Olbertz eine malerische Freude machen wollte.
Freude ist ja auch so ein Begriff, der in der bildenden Kunst weiträumig gemieden wird, genauso wie der Begriff Schönheit. An etwas Gefallen zu finden, es einfach nur mit Hingabe zu genießen und nicht gleich eine Bedeutungsverwertung vorzunehmen …
Wo mich nun die Arbeiten von Malte Olbertz immer wieder an Theateraufführungen erinnern, in denen ich mich neben dem Schauspiel auch von Requisiten angesprochen fühlte, die sublime Akzente setzen oder von einer Lichtstimmung mit vieldeutiger Wirkung, mag es Ihnen als Betrachtern ganz anders gehen. Dennoch sind es ja meist unsere ganz privaten Momentaufnahmen; diese spontanen Gedächtniscollagen, mit denen wir uns ein Leinwandlibretto erschließen, durch seine Echo- und Klangräume wandern und so den Schatten an der Wand bilden. Wenn Malte Olbertzs seine Figuren, die Dinge und ihre Umgebung in fließende Bewegungen mit durchlässigen Pastellstimungen von Berührbarkeit und Verletzlichkeit versetzt, kommt ja nicht nur der schöne Schein zur Wirkung sondern auch das, was er verhüllt: Einen massigen Körper mit arthritischen Knochen und Schweißflecken, der keine komödiantische Leichtigkeit des Seins mehr zu behaupten vermag. Vielleicht ist es ja auch eine längst vergangene Episode im Atelierraum des Künstlers, die nun unter einem blauen Tuch schlummert, bis sich jemand einen Reim darauf machen mag und aus den Gedankensplitter die sich in den Faltenwürfen wie in einem Refugium verborgen haben, sogar eine eigene Geschichte imaginiert.
Ich hoffe, sie werden sich in dieser Ausstellung auch immer wieder bei Lesarten ertappen, die andere Betrachter in dem Moment irritieren, auch weil ihnen Malte Olbertz poetisches Verfahren des Sammelns und bildhaften Verdichtens zu träumerisch oder zu spielerisch erscheint. Oder auch weil denen die frühere Arbeit „Im Bildraum“ mehr zusagt. Diese eingedunkelte Aussicht auf Ansammlung von derangiertem Mobiliar.
Klar, mit einem Votum für seine exzellente malerische Technik lässtsich auch hier weiterhin jedes spekulative Bedeutungsloch vermeiden. Doch da lauert bereits ein sinnhaltiger roter Faden im Labyrinth möglicher Assoziationen, der sich auch in der aktuellen Serie von Arbeiten weiter verfolgen lässt. Die Nahaufnahme von nutzlosgewordenen Altlasten lässt ahnen, dass sich dahinter mehr verbirgt als nur weiteres überflüssiges Gerümpel.
Hier war ja bereits der Schatzsucher am Werk, der sich später für die schimmernde Farbwirkung eines Gewandes begeisterte und nun Motive aus der Kunstgeschichte auch mit ihren Verzierungen und Manierismen neu inszeniert.
Wer je auf alten verstauben Dachböden gekramt hat weiß, dass dort neben überflüssigen Altlasten so mancher versteckte Gegenstand plötzlich wie ein Schatz anmutet. Ein Memento von früher mit seiner ganz eigenen Geschichte, das zum bewegenden Stillleben wird.Wie das dann auf einmal glänzt und funkelt, egal wie profan, schlicht kitschig, hässlich oder unansehnlich es eigentlich aussieht. Malte Olbertz betrachtet diese alltäglichen und besonderen Ablagerungen in seinem malerischen Licht, lauscht in ihre vielstimmige Patina hinein und verwandelt sie in Andachtsräume.
Da blinzelt dann auch eine heimlich Sehnsucht durch diese malerischen Fiktionen von sprechenden Formen, Bewegungen und ihrer gemeinsamen Wirkung. Und mit ihr eine malerische Variante von savoir vivre, die dem Betrachter das beschleunigte Sehen und Antizipieren verweigert und ihm ein Sehrefugium eröffnet.Was ist daran so spannend, den Anblick einer Hand zurück zu verfolgen, bis an den Arm mit dem Bund und den gestrickten Linien, die in ein wollenes Muster übergehen. Aber vielleicht geht es ja überhaupt erstmal darum, sie mit Blick auf diese Einfärbungen auf der Hand ganz schlicht und unmittelbar wahrzunehmen, auch weil für solche Momente im sonst so beschleunigten Wahrnehmungsalltag kaum noch Raum ist. So gesehen sprechen Malte Olbertzs Arbeiten auch den Mangel an visuellen Andachtsräumen an. Mit einem Plädoyer für das bewegende Stillleben, seine Inspirationsquellen und ihre offenen Lesarten.Heute Morgen, im Gespräch mit Erhart Schroeter, der sich auch für diese Ausstellung im Weißen Saal ganz besonders engagiert hat, tauchte plötzlich Don Quixote auf. Sie erinnern sich, Cervantes Romanheld, dieser Träumer und Phantast, der immer wieder ins Stolpern geriet und ewig diesen störrischen Windmühlenflügel trotzen musste. Ein bisschen von diesem Don Quixote möchte ich Malte Olbertz gern andichten. Schon weil er mir erzählte, das er gerne zaubern können möchte. Wie der Magier, der uns unter seinem Tuch etwas Zauberhaftes entdeckt, das dann aufmunternd schimmert oder glänzt; etwas, dass ihn und auch uns aus den vertrauten Sinnprovinzen herauslockt.
Ich glaube, ein wenig mehr Vertrauen in diese magischen Momente, ihre Wirkung und ihre originäre Bedeutung täte uns allen gut, wenn wir uns auf die Rolle als betrachtende Bildschatten einlassen und dabei unseren vernachlässigten Projektionsräumen begegnen.
Für das Leitmotiv dieser Ausstellung „shadow on the wall“ stelle ich mir einfach noch ein post scriptum vor: Bei Licht betrachtet …
Göttingen, 8. Januar 2015