Künstlerhaus Göttingen
im Lichtenberghaus
Erdmute Prautzsch, 01.04. - 02.05.2010
- Das Weite suchen -
Weißer Saal

Erdmute Prautzsch arbeitet im breiten Spektrum von Malerei, Fotografie und Grafik auf der Grenzlinie zur Gegenständlichkeit und beschäftigt sich in ihren traumnahen Bildräumen mit der Schnittstelle von Wirklichkeit und Fiktion. Sie verschränkt bewusst konträre Darstellungsformen, überschreitet malerisch reale Kausalitäten, setzt auf ein spezifisches Sampling ganz unterschiedlicher Eindrücke. Mit der ihr eigenen kontemplativen beobachtenden Haltung formuliert sie Fragen von Raum und Zeit. (Jens Martin Neumann, Kunsthistoriker, Kiel)


Göttinger Tageblatt, 07.04.10:
„Das Weite suchen“

Schicht um Schicht dickwandiges Glas

In den 1970er Jahren gab es diese Art von Bilderrahmen oft: eine dicke Glasplatte lag über der Fotografie und ihre Schwere hielt das Ganze im Rahmen. Erdmute Prautzsch, 1969 in Kassel geboren, greift dieses Prinzip wieder auf und spinnt es weiter.


Schicht um Schicht dickwandigen Glases setzt sie übereinander, von zwei bis zu sieben Lagen Fotografien und Fragmente finden darin Platz. Ausschnitte und schmale Streifen ermöglichen Durchblicke, in Landschaften, auf vorüber ziehendes Blattwerk oder auf Säulen. Diese Art des schichtweisen Arbeitens wiederum spiegelt sich in der Malerei der Künstlerin, die den größten Teil der Ausstellung „das Weite suchen“ im Weißen Saal des Künstlerhauses ausmacht.

Die Bilder, deren Gegenständlichkeit zum Teil deutlich zu erkennen ist, thematisieren unterschiedliche Räumlichkeiten – und dies sowohl auf formaler als in Teilen auch auf inhaltlicher Ebene. Das Häuschen eines Retters, vielleicht der Strandwacht, oder Kabinen von Seilbahnen, Straßenbahnen, assoziiert man angesichts der schmalen, blechern wirkenden Wände mit den an den Ecken abgerundeten, von Gummi gefassten Fensterausschnitten.

Hier und da rinnt die Farbe des oftmals sehr flächig und deckend aufgetragenen Blaus am Himmel über die Fensterrahmen hinab in die Kabinen. Es verneint die Räumlichkeit und zeigt, was übergreifend wichtig ist: Die Thematisierung der Malerei als solcher. In den weniger gegenständlichen Arbeiten, deren Farbauftrag an David Hockneys Swimmingpool denken lässt, werden Blumengitter oder Palisadengeflecht zum Raum gebenden und zugleich entsagenden Element. Latte um Latte wird zur Linie, die hier und dort mit der Fläche entweder verschmilzt oder sich durch Hell- und Dunkelkontraste einmal mehr abhebt, das dahinter Liegende bleibt dennoch im Schatten.

Prautzsch sucht das Weite und bleibt doch immanent in der Malerei, dekliniert Problemstellungen von Abstraktion und Gegenständlichkeit, von Malerei als Malerei einmal mehr.

Bis zum 2. Mai dienstags bis freitags von 16 bis 18 Uhr, sonnabends und sonntags von 11 bis 13 Uhr im Künstlerhaus, Gotmarstraße 1 in Göttingen.

Von Tina Lüers