Künstlerhaus Göttingen
im Lichtenberghaus

Obere Galerie
13.09. – 11.10.15
Olav Raschke
Vorwärts immer, rückwärts nimmer

Eröffnung: 13.09.15, 11:30 Uhr
Einführung: Michael Stoeber

Olav Raschke will der Fotografie eine Fotografie schenken. Was nicht geht, denn die Fotografie hat schon alles. Wo immer mehr Bilder immer weniger Worte ersetzen, sucht sich das Auge eine Nische. Es benötigt eine Wahrnehmungskur, in welcher der Künstler entweder Patient oder leitender Arzt ist.
Serienweise Oberflächen, ein früherer Ausstellungstitel, der mit Erkenntnis droht. Der Wunsch nach Ruhe liegt jeder Serie inne, da sich das Tier im Käfig in der Wiederholung auslebt. Der Einzelgesang wird zum Chorus und lässt uns länger zuhören, der Individualist wird zum Kollektiv, das tut nicht so weh, hat aber eine beachtliche Resonanz im Brustkorb unserer Gesellschaft. Jede wissenschaftliche Untersuchung ist ein Weg ins Ungewisse, die Bewegungen dorthin haben unterschiedliche Geschwindigkeiten. Verläuft sich die Spur ins Nichts, zeichnet der vermeintliche Rückschlag möglicherweise auf der Oberfläche einen Neuanfang.
Im Göttinger Lichtenberghaus rührt Raschke eine Melange an, die dem wissenschaftlichen Erbgut des Hauses eine fotografische Erkenntnis anbietet. Sprunghafte Wechsel der raumbesetzenden Bildfelder, die aus jeder schreitenden Vorwärtsbewegung eine Erinnerung generieren, die, wenn schon keine körperliche Verbeugung, so doch eine geistige Verbiegung erzwingen. Olav Raschkes Umformungslust zeigt sich in inhaltlichen Halbinformationen, die von einer fotografischen Vollversion unterstützt werden. Das Update gibt es hier nicht für mehr Technik.
Witzigkeit kennt keine Grenzen, eine hilflose Songtitelformel aus dem Film Kein Pardon die das Vordergründige ironisch in Frage stellt. Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Im Kreislauf unseres Lebens gesehen nur ein verformeltes Zeitphänomen, welchem wir mit einer individuellen Lebenslinie geometrisch zu trotzen versuchen. Was uns somit körperlich nicht gelingt, versucht Raschke mit seinen Fotografien in Gegenüberstellungen von Bildserien und gesammelten Fotografien, die kleine Zeitbrücken zwischen die aufgeladenden Wände des Künstlerhauses schieben. Eine nach innen, nach außen, nach oben oder nach unten gerichtete Konferenz der Referenzen.
A. Povera