Künstlerhaus Göttingen
im Lichtenberghaus
Rüdiger Stanko, 08.08. - 05.09.2010
Zwischenbericht

Portraits, Fenster, Farben


Eröffnung am Sonntag, den 8. August um 11.30 Uhr, Obere Galerie,

Einführung: Michael Stoeber, Kunstkritiker aus Hannover



Rüdiger Stanko wurde 1958 in Groß-Gerau geboren, 1978-85 Studium der Freien Kunst an der HBK Braunschweig bei Prof. Lienhard von Monkiewitsch und Prof. Ben Willikens (Meisterschüler), verschiedene Preise und Stipendien, u. a. 2002 Kunstpreis der Sparkasse Hannover.
Lebt in Hannover.
Rüdiger Stanko beschäftigt sich in seiner Arbeit mit gesteuerten Zufällen, z.B. durch Einbeziehung von Publikumsentscheidungen, durch Würfeln oder durch Benutzung von Computerprogrammen. Es entstanden seit 1992 Arbeiten zu verschiedenen “klassischen" Genres der Malerei - abstrakte Landschaftsbilder und Stillleben, deren Farbigkeit durch eine Befragung ermittelt wurde; Portraits auf der Grundlage von Fotografien, die im Computer manipuliert wurden, sowie “Farbwahl-Bilder", bei denen das Publikum einem vorgegebenen Begriff Farben zuordnete und so die Farbigkeit und Farbreihenfolge des entstehenden Gemäldes mitbestimmte.

Während der Laufzeit der Ausstellung im Künstlerhaus wird im Weißen Saal die Farbwahlaktion „Die Farbe der Kultur“ durchgeführt, bei der das Publikum zur Mitwirkung aufgefordert ist.

Rüdiger Stanko lässt das Publikum Farben zu bestimmten Begriffen assoziieren (beispielsweise “Zukunft" im Jahr 2006 im Kunstmuseum Celle mit Sammlung Robert Simon). Mittels eines Tisches, an dem 20 Farbtafeln, eine Anleitung, ein Block Stimmzettel und ein Stift angebracht sind, wählt das Publikum jeweils einen der 20 “Farbkandidaten". Der Künstler zählt anschließend die Stimmen aus und erstellt ein Bild, in welchem jede Farbe gemäß ihrem Stimmenanteil als breiterer oder schmaler Farbstreifen erscheint.


Jeder Teilnehmer erhält dieses Ergebnis der Farbwahl in Form einer Postkarte.

Über die Entstehung der „Portraits“ kann man im Katalog „Kunst-Sequenzen – Positionen aus Hannover“, Künstlerhaus Göttingen 1998, von dem Kunstkritiker Michael Stoeber folgendes lesen: »Wir haben es hier nicht mit herkömmlichen Porträts zu tun. Stanko hat Olav Raschke, Jörg Lange und sich selbst mit einer Spiegelreflexkamera fotografiert, die Bilder abziehen lassen und auf einen Scanner gelegt. Dann hat er mit Hilfe des Computers elektronische Schnitte durch die Fotos geführt, um möglichst alle unterschiedlichen Porträtzonen zu erfassen. Der Scanner hat die Bilder entlang der Schnittkanten abgetastet und ihre Farbwerte erfasst. Wie komplett, wenn auch auf total abstrakte Weise, die digitalen Porträts sind, sieht man am Wechsel von helleren und dunkleren Bereichen. Dort, wo um die Körpermitte herum sich roséfarbene Streifen finden, hat der Computer die Hände erfasst. Wie bei den helleren Streifen weiter oben, wo es um das Gesicht der Porträtierten geht, handelt es sich bei dem lichten Farbraster um das elektronisch produzierte Äquivalent des Inkarnats, also um die Darstellung der menschlichen Haut, die zu allen Zeiten der Prüfstein gewesen ist, an dem ein Maler seine Fähigkeiten zu beweisen hatte. Stanko« … »findet eine Neue und zeitgenössische Repräsentationsvariante.

Dass es sich bei den Porträts um ganzfigürliche Darstellungen handelt, verdeutlichen die verschiedenen Höhen- und Breitenmaße, denen die unterschiedlichen Körpermaße der Porträtierten zu Grunde liegen.

Was also bei genauerem Hinsehen und Nachdenken verblüfft, ist auf der einen Seite der äußerst penible, präzise Realitätsbezug, der in solchen Parametern deutlich wird, bei einer andererseits total entwirklichten und abstrakten Darstellung. Auf gespenstische Weise sind die drei Porträtierten in jedem Detail bis hin zu Raschkes heller Gürtelschnalle im Bild präsent - und doch auch wieder nicht. Als Personen lösen sie sich auf und verdichten sich als Farbe im virtuellen Raum von Cyberspace und in den Daten- und Zahlenströmen des Computers. Wenn Stanko die ebenso präzisen wie unwirklichen Porträts ausdrucken lässt, in Lebensgröße auf Stoff, und sie uns auf Keilrahmen gespannt als Alternative zum klassischen Tafel- und Leinwandbild gegenübertreten, wird der Anspruch des Künstlers deutlich, auf emblematische Weise ein zeitgenössisches Porträt zu schaffen.«

Zur Serie der „Fenster“ schreibt der bisherige Leiter des Kunstvereins Hannover Stephan Berg (aus: Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen, Bd. 63, Hrsg.: Nds. Lottostiftung 2007): »Vergleichbar einem Blick aus dem Zugfenster erzeugen diese Fensterbilder die scheinbare Paradoxie eines bewegten Stillstands und einer stillgestellten Bewegung. Und sie umkreisen einmal mehr die Stanko´sche Kardinalfrage, wieviel Verbindung zur Wirklichkeit ein Bild haben kann, um seine grundsätzliche Abstraktheit nicht zu verlieren, und wie weit es seine abstrakte Autonomiesehnsucht treiben darf, ohne haltlos in den unendlichen Tiefen des Beziehungslosen unterzugehen.«


Göttinger Tageblatt, 04.08.2010
Rüdiger Stanko im Künstlerhaus

Intelligentes Malen nach Zahlen

Rot ist die Liebe, Blau steht für Treue. Menschen schreiben auch abstrakten Begriffen Farben zu – aber nicht allen. In seiner Ausstellung, die am Sonntag, 8. August, im Künstlerhaus Göttingen eröffnet wird, fragt Rüdiger Stanko die Besucher nach der Farbe von Kultur.



Spaß an Farben: Rüdiger Stanko. © Pförtner


Stanko hat eine Reihe von Methoden entwickelt, um künstlerische Entscheidungen und Handschriften aus seiner Arbeit zu verbannen. Eine davon ist die, das Publikum statistisch entscheiden zu lassen. Dafür gibt er 20 Töne vor, das Publikum wählt daraus die Farbe, die es der Kultur zuordnen möchte.

Im Anschluss an die Ausstellung wertet der in Hannover lebende Künstler das Ergebnis aus und setzt es in ein Streifenbild um. Die Farbe, die als erstes gewählt wurde, setzt er nach oben an den Bildrand, die zweite darunter und so fort. Je mehr Stimmen ein Farbton erhält, desto dicker der Streifen. Alle Teilnehmer erhalten dieses Bild schließlich als Postkarte von ihm zugesandt.

Derzeit richtet Stanko seine Ausstellung im Künstlerhaus in der Gotmarstraße ein. Ein Bild malt er direkt auf die Wand, Quadrate in den „sechs bunten Grundtönen“, erläutert Stanko. Über die Farbe eines jeden Rechtecks, dessen Größe und Positionierung auf der Wand habe der Würfel entschieden, sagt Stanko.

Die Ausstellung wird am Sonntag, 8. August, um 11.30 Uhr im Künstlerhaus Göttingen, Gotmarstraße 1, eröffnet. Sie läuft bis Sonntag, 5. September.

[Peter Krüger-Lenz]

Göttinger Tageblatt, 09.08.2010
Rüdiger Stankos Bilder im Künstlerhaus

Ein Porträt stellt man sich anders vor. Bunte Streifen, die wie Tapetenmuster daher kommen, erwartet man jedenfalls nicht. Und doch handelt es sich bei Rüdiger Stankos Porträts um ganzfigürliche Darstellungen, denen nicht nur die Körpermaße des abgebildeten Menschen, sondern auch ihr komplettes Äußeres eins zu eins zu Grunde liegen – extrem abstrakt und sehr real.



Die Ausstellungsbesucher dürfen wählen: Welche Farbe hat Kultur?

© Heller

Wie Stanko das schafft, hat der Kunstkritiker Michael Stoeber bei der gut besuchten Vernissage im Künstlerhaus am Sonntag erklärt: Stanko hat die Porträtierten fotografiert, die Bilder eingescannt und per Computer die Farben erfasst.

Vergeblich versucht man nun, aus den so entstandenen Streifen, den Porträtierten zu erkennen – obwohl man sich unweigerlich bemüht. Was die Streifenbilder allerdings transportieren sind Stimmungen. Über die Farben lassen sich Rückschlüsse ziehen über die porträtierte Person, über Kleidung, Charakter und Temperament.

„Rüdiger Stanko ist ein Konzeptkünstler, der es präzise versteht darzulegen, was er tut“, sagt Stoeber. Das werde auch bei seinen Fensterbildern deutlich, die ein zweites großes Thema der Ausstellung des 1958 geborenen Künstlers sind. Das Künstlerhaus hat während der Schau 18 Fenster mehr. Die Fotografien von Stanko bilden Fenster in Originalgröße ab. Der Blick hinaus erzeugt allerdings Verwirrung. Wie beim Schauen aus dem Zugfenster scheint verschwommen die Landschaft vorbei zu rauschen. „Die Bilder erzeugen die scheinbare Paradoxie eines bewegten Stillstands und einer still gestellten Bewegung“, hat der einstige Leiter des Kunstvereins Hannover, Stephan Berg, über Stankos Bilder geschrieben.

Der in Hannover lebende Stanko fordert seine Ausstellungsbesucher nicht nur mit der Analyse seiner Bilder, er bezieht sie auch ganz konkret mit in seinen Arbeitsprozess ein. Und zwar will der Absolvent der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig herausfinden, welche Farbe die Kultur in Göttingen hat. Aus einer Skala von 20 Farben, die im Weißen Saal des Künstlerhauses steht, haben die Besucher die Wahl. Wenn alle abgestimmt haben, entsteht (was sonst?) ein Streifenbild, das jeder Teilnehmer als Postkartendruck zugesandt bekommt.

Die Ausstellung ist bis Sonntag, 5. September, im Künstlerhaus Göttingen, Gotmarstraße 1, zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis freitags von 16 bis 18, sonnabends und sonntags von 11 bis 13 Uhr.

Von Eida Koheil