Künstlerhaus Göttingen
im Lichtenberghaus


20.05. – 10.06.12
Lilly Stehling
- RaumWerk database -


Vernissage: 20.05., 11:30 Uhr
Einführung: Tina Fibiger

Die Wirklichkeit des Faktischen wird vor allem durch die Dingwelt bestimmt. Das was wir sehen und anfassen können, auch um es in seiner Funktion und Bedeutung gedanklich auszumessen, markiert unser Wahrnehmungsraster und die Koordinaten, die unseren Erfahrungshorizont stimulieren.

In der digitalisierten Zuspitzung und Verknappung gelten andere Regeln. Ein Teil dessen, was unser Verständnis von Realität ausmacht, zeigt sich nur noch in komprimierter Form, verdichtet und verschlüsselt in Datenmaterial, das erst wieder umgewandelt werden muss; in begreifbare Bilder und Texte.

Die physikalischen Vorgänge der Impulssteuerung und auch die mathematischen Theoreme, die in Formeln und Ableitungen die notwendigen Rechnerschritte begründen und fixieren, müssen für den Nutzer am Ende der medialen Nahrungskette keine Rolle spielen. Nicht notwendig für das realistische Ortungsradar, wo es um Daten und Fakten geht, aus denen neben Ansichten und Einsichten auch Spekulationen generiert werden, sind die materiellen Zutaten:
So profane Dinge wie Platinen, Spulen und Kabelbäume, Steuerungselemente und Kühlaggregate, die erst dann von Interesse sind, wenn ihr Zusammenspiel gestört ist und sie sich nicht mehr an die gängige Vorgabe von Input- Output- Rendite halten. Das klingt zwar nach einer rein ökonomischen Direktive. Aber die wird in den Arbeiten von Lilly Stehling ebenfalls benannt. In Bildmotiven, Installationen und Skulpturen, die den Kosten- Nutzen- Ertrags-Codex in Frage stellen, auf der materiellen wie auf der immateriellen Ebene. Denn bei ihr entwickeln die Dinge ein Eigenleben.
„Database“, sagte mir Lilly, beschreibe das, was sie im Kopf habe, an Informationen und Gedanken, an Wissen, Erfahrung und Gefühl. Und das zeigt sie hier in der kreativen Vernetzung: Als „RaumWerk“, das auf die realen und die surreale Dimensionen von Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozessen vertraut.

Vor wenigen Tagen sprach ich mit einem Musikwissenschaftler über seine Interpretation von musikalischen Strukturen und Mustern, mit denen er eben keine neue Lesart fixieren wollte sondern weiterhin auf die unerschöpfliche Dialogfähigkeit des Materials vertrauen. Er nannte das seinen „mental approach“, wo neben Können und Wissen auch die Fantasie von ganz elementarer Bedeutung ist, gerade weil sie gelegentlich zu Fehldeutungen führt und sich darin schon eine weitere Spurensuche nach möglichen Lesarten ankündigt. Unter dem Aspekt dieses „mental approach“ möchte ich auch die Arbeiten Lilly Stehlings mit Ihnen betrachten, zunächst auf der vermeintlich faktischen Ebene ihrer Materialwelt: Mit diesen ausgemusterten Computerteilen, in denen sie Ornamente und Verzierungen entdeckt und eine vielfarbige Signalwelt. In den wunderbar glänzende Kupferspulen, in Kabelbäumen, die eine beschwingende Wendung nehmen oder in Schaltern und Widerständen, die sich zu einer kunstvollen Parade formieren. Da entwickelt sich eine spielerische Korrespondenz zwischen Platinen und Mäusen, die an Bausätze von Stadtlandschaften erinnern, die nun in luftiger Höhe schweben, umgeben von kleinen Flugobjekten, die endlich funktionslos geworden sind und so auch eine andere Gestalt annehmen dürfen. So wie das Datenspeichersystem sich auf der Leinwand in einen bunten Zauberwürfel verwandeln kann oder in ein vielfarbig verschnürtes Päckchen, das nun spannende Rätsel und Überraschungen verspricht.
n den ausgemusterten Bausteinen unserer digitalisierten Datenwelt ist Lilly Stehling auch auf filmische Spurensuche gegangen. In einem Container auf dem Gelände der städtischen Entsorgungsbetriebe, wo die Handkamera dem Elektroschrott in seinen bewegenden Formen und Anmutungen folgt und sich so ein Schauspiel entwickelt, in dem sich die Dinge wie auf einer Bühne in Projektionselemente verwandeln, die jede Bedeutung annehmen können die ihnen der Betrachter geben möchte. „Fremdraum“ hat Lilly Stehling diese Video-Installation genannt, in der die Materialien und ihre Struktur in der Nahaufnahme ein surreales Landschaftspanorma bilden, das in immer neuen Variationen oszilliert:
Angetrieben von Licht- und Schattenreflexen, wechselnden Perspektiven und Kameraschwenks in die unmittelbare Umgebung, die sich ebenfalls von einer anderen, fremd anmutenden Seite zeigt.
Wo nun schon die greibar nahe liegenden medialen Utensilien des Alltags ihre Gestalt verändern und einen Fremdraum bilden, müsste der Weltraum umso mehr als Projektions- und Imaginationsraum befremden. Ist das noch begreiflich wahrnehmbare Realität, was sich in Distanzen abspielt, für die unsere Wahrnehmungsskala auf mathematische Berechnungen vertrauen muss? Und auf die Bilder, die aus unzähligen Daten generiert werden; von Weltraumsonden und Satelliten, die die wissenschaftliche Expertise auch kreativ beflügeln.
In der mediale Visualisierung von fernen Planeten und Galaxien in ihrer materiellen Beschaffenheit steckt natürlich auch das kompositorische Element, mit dem die Produzenten virtueller Welten arbeiten, wenn sie aus den realen Alltagskomponenten ein Illusionsszenario generieren und das Verständnis von Realität neu programmieren.
In Lilly Stehlings malerischen Anamnesen von Übertragungen des Max- Planck Institutes für Sonnesystemforschung und den Motiven, die sie aus dem europäischen Kernforschungszentrum Cern auf der schwarzen Leinwand generiert hat, unterwandert sie unser datengestütztes Wirklichkeitskonstrukt mit den Mitteln der Imagination. Wenn sie in Cockpits blickt, Kamerateile und Speicherplatinen auf steinernes Terrain pflanzt, Kraterlandschaften mit einer weichen Patina versieht und die Spur eines Breitbandkabels aufnimmt, das in den schwarzen Raum vordringt.
Siegfried Lang hat die Elemente, die Lilly Stehling aus dem Weltraumkontext in malerische Erzählungen transformiert, in seinem Text zum Ausstellungskatalog wunderbar beschrieben. Wie sie hier berührbare Szenarien komponiert, die ihre ganz eigene stimulierende Materialität entwickeln. Die Wolke, die sich nach einem Schuss in die Mondoberfläche energisch entlädt. Die Röhre, die wie eine Rakete blaue Farbströme austreibt. Der Mars Pathfinder, der in das Innere einer Landschaft vordringen will und nur Kreisbewegungen beschreiben kann.
„Die Malerei verleiht der fliegenden Felsenfestung eine weiche und warme Melancholie“ , schreibt er, in der das Schwere so leicht wird, dass es schweben kann“
Und so schwebt auch dieser massive blaue Gesteinsbrocken mit ungeheurer Grazie durch den Bildraum, während sich dann in der Serie Schattenwerk die Konturen von Datenträgern und Kabelströmen mehr und mehr verflüchtigen und wundersame Labyrinthe bilden, durch die es geheimnisvoll pulst. Wo am Ende auch Tonnen von Daten und Datenspeichern als digitaler Schrott enden, landen sie nicht nur in den Containern der Wertstoffsammelstellen und zirkulieren auch munter um den Globus wo sie unseren Wahrnehmungshorizont nicht weiter berühren. Lilly Stehling hat diesen „spacejunk“ nicht nur auf die Leinwand gelockt, wo er nun ein spielerisches Eigenleben entwickelt und die Teile auch nicht mehr zusammenpassen müssen. Auch in ihren Skulpturen entwickeln die nutzlos gewordenen High-Tec. Requisiten ihre sinnliche Wirkung und nehmen Form und Gestalt als Präziosen einer Dingwelt an, die nicht an Wissensverwertbarkeitskategorien gebunden ist, sondern an die Erfahrbarkeit von Berührungen: So dass unsere Wahrnehmung auch hier einen Raum der Imagination erfährt.
Die Dingwelt in den malerischen und skulpturalen Projektionen verlässt Lilly Stehling am Ende in einem weiteren filmischen Abenteuer in ihrer Video Collage „shuttling space“: Mit dem Blick auf das virtuelle Kunstwerk, das nun auch nicht länger an einen Begegnungsraum gebunden ist und an eine sinnliche Nähe - dafür aber jederzeit abrufbar ist und immer wieder wandlungsfähig im digitalen Kontext des Betrachters, um seinen Wahrnehmungshorizont zu stimulieren und das vielleicht auch im Sinne eines „mental approch“.
Tina Fibiger, Göttingen, 20. Mai 2012